Jubiläumsfeier 150 Jahre Allgemeiner Bildungsverein Konstanz 1860 e.V. am 16. Mai 2010 im Stephanshaus zu Konstanz

Laudatio von Wolfgang Mettler

„Wolfgang, i hon ko Zeit für Di, i mueß etz in de ‚ABV’!“

Sehr geehrter Herr Dekan Dr. Trennert-Helwig, sehr geehrter Vorsitzender, lieber Alfred Hengstler, lieber Wolfgang Müller-Fehrenbach, meine jubilierenden Damen und Herren: Das war die erste Konfrontation, die der kleine Wolfgang Mettler mit der Abkürzung ‚A-Be-Vau’ hatte. Er wusste damals nicht viel über deren Bedeutung, außer dass sich dahinter wohl ein Männerchor verbarg.

Und der kleine Wolfgang wusste natürlich, wer ihm das gesagt hat: Sein Onkel nämlich, der Schneidermeister Willi Mettler, der „Mettler-Willi“, wie man damals mit konstanzerisch-liebevoller Wärme zu sagen pflegte.

Und wenn der Onkel Willi schon so viel Wert auf diesen ominösen „ABV“ legte, dann musste das ja auch etwas ganz Besonderes sein, schließlich war der Schneidermeister „Mettler-Willi“ in der Konstanzer Unterhaltungsszene ein recht angesehener Stimmungsmusiker, er wurde deshalb von dem kleinen Wolfgang sehr bewundert: Besonders dann, wenn er bei Familienfesten seine Couplets zum Besten gab, beispielsweise „Mir isch das gliieech!“ oder „Pudelnacked ohne Hemd!…“ sowie weitere Schmankerl…

Und der Wolfgang wusste, wo der Onkel wohnte: In der Zogelmannstraße, im Haus des bereits verstorbenen Großvaters, des Schneidermeisters Gotthilf Mettler. Also war klar, der „ABV“ musste in Stadelhofen beheimatet sein: Die naive Schlussfolgerung eines Kindes also, die zufälligerweise gar nicht weit daneben lag, denkt man an das Vereinsheim, den ehemaligen „Bären“ in der Hüetlinstraße.

Verehrte Festgäste, der Allgemeine Bildungsverein hat mich gebeten, eine „Laudatio“ zu halten, einen „Lobgesang“ also. Darüber habe ich mich sehr gefreut und ich danke aufrichtig für die Ehre und den Vertrauensvorschuss. Allerdings stellte sich mir auch ein Problem:

Entspricht eine reine „Laudatio“ ohne kritisches Hinterfragen nicht dem vergleichbar aussichtslosen Versuch, bei Grabreden ehrlich zu bleiben?

Es wird keine Grabrede, weil wir ehrlich bleiben! Erlaubt sei deshalb die provokante Frage: Was soll ich denn laudieren am ABV?

  • dass aus dem einst angesehenen „Bildungs“-Verein nur noch ein relativ kleines Häuflein Unentwegter übriggeblieben ist? Das kann man immer durchaus laudieren!
  • dass ein noch kleineres Häuflein Sänger sich mit anderen zusammenschließen muss, um existent zu bleiben? Auch das ist laudierbar!
  • dass das Vortrags- und Bildungswesen des ABV nicht mehr so stark im öffentlichen Bewusstsein verankert ist wie noch vor 50 Jahren?

Oder soll ich ein Loblied darauf anstimmen, dass im ABV früher alles besser war? Das ist durchaus denk- und auch begründbar!

TEMPORA MUTANTUR: „Die Zeiten ändern sich – und wir in ihnen!“ Und da Vereine aus Menschen bestehen, ändern sie sich eben auch!

Machen wir einen kurzen Exkurs in die Historie, sie ist ja äußerst detailliert auf der Internet-Homepage des Vereins abrufbar – ich möchte sie deshalb nicht minutiös wiederholen und beschränke mich auf ein paar Details – schließlich will man heute noch zu Mittag essen! Ich zitiere:

„Der Allgemeine Bildungsverein Konstanz wurde im Jahre 1860 zunächst als „Arbeiter-Bildungsverein“ gegründet – in einer trostlosen Zeit – die Stadt Konstanz zählte damals gerade knapp 8000 Einwohner, es gab noch nicht einmal einen Eisenbahn-Anschluss. Einfache, vom Streben nach vertiefter Bildung besessene Handwerksgesellen gaben damals den Anstoß zur Gründung des Vereins. Hauptziel war die Weiterbildung dieser Gruppierung zur Verbesserung ihrer gesellschaftlichen und sozialen Stellung.“

Wichtig für uns: Das „Streben nach vertiefter Bildung“ auf Grund der Erkenntnis, dass sozialer Aufstieg durch Bildung möglich sei – nur durch Bildung?

Vergleichen wir diese Ansicht mit den Kontoauszügen diverser Balltreter, so könnten wir meinen, der Satz sei irrig! Er ist es nicht. Wir merken aber, wie sich im Vergleich zum damaligen Ansatz einige Parameter heute verschoben haben – dazu später mehr.

Im Begriff „Gründung“ steckt „Grund“: Man muss einen Grund haben, um einen Verein in die Welt zu setzen: dieser Verein muss dann aber auch auf solidem Grund stehen!

Beides war gegeben:

Der „solide Grund“ ist schon durch die Tatsache bewiesen, dass wir heute nach 150 Jahren hier zusammensitzen. Und diese 150 Jahre sind in der Tat Grund genug zu jubeln und sich dankbar auf die Schulter zu klopfen!

Der eigentliche Gründungsgrund war die damalige Bildungsmisere der unteren Schichten unserer kleinen Stadt, hier besonders die Misere der Arbeiter. Man erkannte einerseits, dass sozialer Aufstieg ohne Bildung  – zunächst vorwiegend berufliche Fort- und Weiterbildung – undenkbar war. Andererseits erkannte man aber auch, dass sich „Bildung“ nicht nur auf den beruflichen Bereich beschränken darf, sie erfasst den Menschen dann eben nicht in seiner Ganzheit. Man erkannte vielmehr, dass zweckfreie Aspekte wie Kunst und Kultur nicht fehlen dürfen.

Eine diesbezüglich bedeutende Einrichtung war die Schaffung einer Vereinbibliothek, die schon bald auf über 500 Bände angewachsen war. Hier entfernte man sich von der direkten beruflichen Bildung hin zur ganzheitlichen Erfassung des Menschen. Ich zitiere weiter:

„So fand sich auch eine Gruppe ideal gesinnter Persönlichkeiten, die sich gerne in den Dienst dieser guten Sache stellten, dies waren zu Beginn der Arzt und Naturforscher Dr. Ernst Stitzenberger, Hofgerichtsregistrator Dr. Konrad Magg, Stadtrat Schaffner und Musiklehrer Waldvogel, Chormeister des „Bodan“.“

Da irrt der Autor ein wenig: Waldvogel stand dem Chor „Badenia“ vor, der später mit dem „Bodan“ zu „Bodan-Badenia“ fusionierte. „Bodan“ und „Bodan-Badenia“ sind Vorläufer des heutigen „Sinfonischen Chores Konstanz“, den ich gegenwärtig zu leiten die Ehre habe.

Warum erwähne ich das? Meine Damen und Herren, ich betreue ein Ensemble, dessen Schicksal deutliche Parallelen zum ABV aufweist: Mein Chor entstammt dem sog. „Bürgermuseum“, einem Verein, der 1834, also bereits 26 Jahre früher als der ABV gegründet wurde mit dem Ziel, die Bildung des Konstanzer Bürgertums zu heben.

Hört, hört! Bildung für den Bürger, Bildung für den Arbeiter: Beides waren notwendige Einrichtung für Menschen, die in unserer bedeutungslos gewordenen Stadt – der Bistumssitz war bereits im Jahre 1821 nach Freiburg verlagert worden! – kaum Möglichkeit hatten, zu Bildung zu gelangen. Man bedenke zudem die für uns heute unvorstellbare Situation eines Lebens ohne Medien- und Informationstechnologie, ohne Motorisierung und verkehrstechnische Infrastruktur!

Was überlebte in beiden Institutionen beinahe als einziges? Der Chor! Ein untrügbares Zeichen: Künste sind in der Mannigfaltigkeit ihrer Ausprägung eben keine Luxusgüter, sie sind im wahrsten Sinn des Wortes „wesentlich“, also Teil des menschlichen Wesens.

So lange der Homo sapiens exisitiert, versuchte er, sich neben der Entwicklung der zweckorientierten Alltagssprache auf andere, vielfältigere, distinguiertere, sensiblere Weise mitzuteilen, zum Beispiel

  • über den Körper: also begann er zu tanzten.
  • Er hob die Stimme auf ein hohes Niveau, wenn er mit seinen Göttern redete: er sang also.
  • Er gestaltete die Alltagssprache intensiver und überlegter: Es entstanden Prosa, Lyrik und das Drama.

In allen menschlichen Kulturen finden wir diese drei künstlerischen Ausdrucksformen: Sprache – Musik – Tanz. Weiter mit Zitat:

Als der Verein 1885 sein 25-jähriges Bestehen feiern konnte, hatte sich in Zielsetzung und Arbeitsprogramm schon einiges geändert. Das Handwerk hatte inzwischen seine Berufsorganisationen aufgebaut und auch das Fortbildungs- und Gewerbeschulwesen entwickelte sich immer weiter. So konnte in zunehmendem Maße die Aufmerksamkeit der allgemeinen Volksbildung zugewandt werden.

Wichtige Voraussetzung hierfür waren aber entsprechende Räumlichkeiten … So wurde im Mai 1888 eine Kommission für den Hausbau gebildet, schon im August des folgenden Jahres konnte dank der unermüdlichen Initiative des Vorstands und der großen Opferbereitschaft der Mitglieder das Vereinshaus in der Hüetlinstraße feierlich eröffnet werden. … Die Baukosten wurden zum größten Teil durch Anteilscheine der Mitglieder aufgebracht, die in späteren Jahren je nach Kassenlage im Losverfahren wieder zurückgenommen wurden.

Also: Bewundernswerte Bereitschaft zum privaten finanziellen Risiko ließ dieses Vereinshaus bauen! Ob so etwas heute in unserem saturierten Wohlstands-Konstanz noch denkbar wäre? (Irgendwie denke ich gerade an den letzten Bürgerentscheid…!)

Vieles hat sich eben doch geändert in unserem Städtchen, und wir können aufrechten Hauptes zugestehen, dass diese Änderungen natürlich auch das Leben und die Aktivitäten des ABV deutlich beeinflussen.

Heute haben wir Bildungsangebote en masse:

  • Universität
  • HTWG
  • 6 Gymnasien
  • Volkshochschule

Die Kulturangebote werden zusehens unübersehbar:

  • Galerien
  • Museen
  • Philharmonie
  • Chöre
  • Amateurorchester
  • Musikvereine
  • Konzerte, Vorträge
  • Kulturfest, Kulturnacht

Ein unübersehbares Angebot an Bildungsveranstaltungen überschwemmt unsere Stadt. Kultur und Bildung scheinen – man verzeihe mir die drastische Ausdrucksweise – wie Sauerbier unter das Volk geschleudert zu werden, möglichst noch zum Nulltarif. Hat die Kultur, haben die Künste dann überhaupt noch einen Wert?

Gehen wir einen Schritt weiter: Ein „Zuviel“ an Information fördert die Desinformation, also die Informationsunlust. Frage: Inwieweit kann man ein Volk informieren angesichts der Verfügbarkeit von 130 qualitativ unterschiedlichen Fernsehsendern? Brauchen wir nicht ein gemeinsames Medium, über dessen Inhalte wir am nächsten Tag miteinander diskutieren, kommunizieren können? Ist der Südkurier noch so eines? Manche zweifeln bereits daran. Aber wenn nicht der Südkurier, wer dann?? Und führt nicht auch kulturelles Überangebot zur Kulturunlust, vielleicht sogar zur Kulturverweigerung?

Hier stellen sich zentrale, vielleicht auch finale Fragen:

Benötigen wir den ABV überhaupt noch angesichts des Bildungsüberangebotes? Und:

Welche Funktion kann der Allgemeine Bildungs- und (ergänzt) Kulturverein wahrnehmen…

  • in Zeiten kulturellen Döners und künstlerischen Fast-Foods?
  • in Zeiten, wo man die TV-Schmonzetten einer Rosemarie Pilcher bestens zu definieren vermag, sich jedoch kaum imstande sieht, ein Drama von Schiller beim Namen zu nennen?
  • In Zeiten, wo ein Bolzplatz als wichtiger eingestuft wird als ein Konzerthaus?
  • In Zeiten, wo der zentrale Grundpfeiler unserer Kultur, die christliche Religion nämlich, zur Nebensache deklassiert wird?

Künftig wird der ABV sicher nicht primär Bildungsveranstaltungen anbieten müssen, das tun mittlerweile andere, vielleicht berufenere Hände. Wir benötigen den ABV in unserer Wohlstandsgesellschaft jedoch sehr wohl dafür, für den „Wert Bildung und Kultur“ zu motivieren, Interesse hierfür zu wecken, es wach zu halten und ggf. zu fördern. Und da gibt es erstaunlich gute Ansätze! Ich zitiere:

„Im Rahmen der in der Satzung vorgegebenen Förderung von sozialen und kulturellen Einrichtungen vermittelt der Verein jährlich Abonnements des Stadttheaters zu günstigen Bedingungen an seine Mitglieder. Auch die Freunde der „Kammeroper im Rathaushof“ werden regelmäßig unterstützt. Aktuell hilft der Verein immer wieder kulturellen und sozialen Einrichtungen oder leistet Hilfe bei unverschuldeten Notlagen, so z.B. dem Projekt von Augenärztin Dr. Beer nach der Tsunami-Katastrophe.“

Das sind Wege, die sich lohnen und die sich sicher auszahlen! Nicht unbedingt finanziell, in jedem Fall jedoch ideell! Bildung ist für den Menschen wichtig, nicht für den Geldbeutel! Bildung ist „wert“-voll!

Es wäre fatal, würde der ABV nur noch weiterexistieren, weil er ein Haus, damit Vermögen und außerdem eine wahrhaft ehrenvolle Historie hat: Er muss nach vorne schauen, er muss und wird sich wie in der Vergangenheit an neue Bedingungen anzupassen wissen. Hier stimmt das Wort des Komponisten Gustav Mahler:

„Tradition bedeutet ‚Bewahrung des Feuers’, nicht ‚Anbetung der Asche’!“

Ein letztes Zitat möge den Kreis der Betrachtungen schließen:

Eine Flut von Sympathie und Begeisterung aus allen Kreisen der Bürgerschaft wurde dem Verein zuteil, als er 1950 sein 90. Stiftungsfest begehen konnte. Prominente Festredner wie der damalige Gouverneur André Noel und Oberbürgermeister Dr. Franz Knapp würdigten in ehrenden Worten die Verdienste des seit 90 Jahren nur dem Guten und Schönen dienenden Vereins.“

Meine Damen und Herren, ich freue mich, 60 Jahre danach anscheinend auf dem Niveau dieser Hochkaräter gehandelt zu werden! Dem Allgemeinen Bildungsverein wünsche ich weiterhin eine gute Hand und viel Fortune bei der Umsetzung seiner Ziele! Vielleicht hört man dann einmal einen der 30 Urenkel von ihrem langjährigen Mitglied, dem Ernst Heim, zu seinem Neffen sagen:

„Bieble, I hon ko Zeit für Di, i mueß etz in ABV!“